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Flüchtig, Anonym & Digital

Versuch einer genuin digitalen Quellenkritik am Beispiel von Akteursanalysen in der Wikipedia

Alexandra Krug
Überarbeitete Fassung der Masterarbeit vom 30.05.2024


Zitationsvorschlag:

Krug, Alexandra: Flüchtig, Anonym & Digital. Versuch einer genuin digitalen Quellenkritik am Beispiel von Akteursanalysen in der Wikipedia, https://krugbuild.github.io/fluechtig-anonym-digital, 30.05.2024, doi:10.5281/zenodo.11394422.


Einleitung

Im vergangenen Jahr berichteten verschiedene Newsportale über voraussichtlich politisch motivierte Eingriffe in Wikipediaartikel. So wurde Taiwan nicht mehr als Inselstaat in Ostasien beschrieben, sondern als Provinz in der Volksrepublik China. In der Beschreibung der Proteste in Hong Kong wechselten sich die Bezeichnungen Demonstranten und Randalierer wiederholt ab und die Tiananmenplatz-Proteste wurden zu konterrevolutionären Aufständen erklärt. 1

Diese politisch wie historisch relevanten Ereignisse hätten sich noch vor dreißig Jahren vermutlich in gedruckten Zeitungsartikeln, Büchern und anderen stofflichen Quellen niedergeschlagen, die von HistorikerInnen später mit gewohntem Handwerkszeug untersucht worden wären. Die Wikipedia als Austragungsort dieser Konfrontation hat jedoch keine körperliche Entsprechung und droht trotz ihrer offenkundig bedeutsamen Rolle sich der Bearbeitung durch die klassische Geschichtswissenschaft zu entziehen. Methodische Analogien zum klassischen Lexikon zu ziehen mag nahe liegen, doch sind die quellenkundlichen Eigenheiten rein elektronisch erzeugter und somit flüchtiger Untersuchungsgegenstände schwerlich mit denen klassischer Quellen zu vergleichen. 2 Die kollaborative und anonyme Gestalt der Autorschaft stellt historisch Forschende vor weitere Herausforderungen. Die so erzeugten Texte sind mit den Mitteln der klassischen Autorenkritik schwerlich zu bewerten. Es scheint somit geboten zu sein, die Möglichkeiten einer genuin digitalen Quellenkritik zu evaluieren. Die vorliegende Arbeit folgt daher der Frage: Wie können flüchtige, anonyme und digitale Quellen geschichtswissenschaftlich untersucht werden?

Um dieses umfangreiche Thema einzugrenzen, wird als Fallbeispiel die bereits erwähnte Wikipedia dienen. Hierbei konzentriert sich die Arbeit insbesondere auf die Artikel als digitale Objekte und die zugehörigen Autorengruppen als Gegenstand der Autorenkritik. Die übergeordnete Frage wird folglich durch Teilfragen präzisiert:

  1. Wie sollte eine äußere Quellenkritik genuin digitaler Quellen gestaltet sein, um die Validität der untersuchten Daten belastbar bewerten zu können?
  2. Wie können anonyme Autorengruppen in einem kollaborativem System im Rahmen einer Autorenkritik untersucht werden, um Aussagen über deren Tendenz treffen zu können?

Die vorliegende Arbeit ist, neben Einleitung und Fazit, dreigeteilt. Das erste Kapitel widmet sich zunächst der Rolle der Digital History und illustriert den aktuellen Mangel einer digitalhistorischen Quellenkritik. Weiterhin wird der aktuelle Forschungsstand erörtert. Als Beispiel für ein bemerkenswertes genuin digitales Forschungsgebiet wird die Wikipedistik vorgestellt. Im zweiten Kapitel werden die Probleme und Lösungsansätze für eine äußere Quellenkritik genuin digitaler Daten sowie die Autorenkritik als Akteursanalyse von anonymen Autorengruppen diskutiert. Das dritte Kapitel überträgt diesen Ansatz auf ein konkretes Fallbeispiel und führt die Quellenkritik exemplarisch durch. Dabei wird die Nutzung automatisierter Methoden erläutert und die Resultate diskutiert.


  1. Siehe Nikolic, Isabella: China and Taiwan go to war over Wikipedia edits as hundreds of changes to description of the island territory are uncovered, in: Mail Online, 05.10.2019. Online: https://www.dailymail.co.uk/news/article-7540755/China-Taiwan-war-Wikipedia-edits-hundreds-changes-uncovered.html, Stand: 20.11.2019.
    Siehe Miller, Carl: China and Taiwan clash over Wikipedia edits, in: BBC News, 05.10.2019. Online: https://www.bbc.com/news/technology-49921173, Stand: 20.11.2019. 

  2. Die Eigenheiten genuin digitaler Quellen werden im Kapitel 2 - Ansätze einer digitalen Quellenkritik diskutiert.